Gavrič, Elisabeth geb. Bechmann

            Gavrič, Elisabeth

Elisabeth Bechmann wurde am 31. Juli 1907 in Wien geboren. Sie war das vierte Kind einer „deklassierten Bürgerfamilie, der mit dem Zerfall der Habsburger Monarchie der Boden unter den Füßen, die Lebensnorm, die Daseinsberechtigung überhaupt entzogen war“. ¹
Nach der Beendigung der Schule erlernte sie den Beruf einer Modistin. Sie wollte rasch Geld verdienen, um selbstständig zu werden und sich von ihrem Zuhause zu lösen.
Durch ihre ältere Schwester Trude kam sie in Kontakt zu mittellosen Studenten, Künstlern, Philosophen, jüdischen Flüchtlingen aus Galizien und Bessarabien, Anhängern der jüdischen Jugendbewegung, die nach Palästina auswandern wollten. …. „Allen gemeinsam war der Hunger.“
Im Alter von 20 Jahren sagte sie sich vom Vater los und fuhr nach Paris. Dort lernte sie Milan Gavrič kennen und lieben. Von Milan erfuhr sie vom Kommunismus als einer Welt, „in der der Mensch seinen Platz finden und nicht mehr allein sein würde, in der nicht Äußerlichkeiten, sondern sein Wert galten…. Mit der Entscheidung, mit Milan zu leben, war „das Bitterste, die sinnlose Einsamkeit der Kindheit und Jugend vorbei.“
Im Mai 1929 kam ihre gemeinsame Tochter Inge zur Welt. Sie bezogen ein winziges Zimmer in einem Hotel hinter dem Pantheon. Es gab ein einziges Bett. Das Kind schlief in einem Koffer. Dieses Zimmer wurde dennoch zum Anlaufpunkt für viele „jugoslawische Genossen, die vor der Verfolgung durch die Polizei aus ihrem Land geflüchtet waren, sich über mehrere Grenzen geschmuggelt hatten und weder Papiere noch Geld besaßen.“ Lisa bewunderte diese Menschen wegen ihres Mutes.
Der Hunger war allgegenwärtig. 1930 zog die kleine Familie in den Heimatort von Milan, nach Tuzla in Bosnien. Die drei bezogen ein Haus seiner Eltern. Milan setzte seine politische Arbeit fort, führte geheime Schulungen zum Marxismus durch. Im Land war eine Faschistische Militärdiktatur errichtet worden, Kommunisten wurden verfolgt. Milan wurde Sekretär der kommunistischen Organisation. Lisa beteiligte sich an der Fertigung von Flugblättern, an der Entstehung der Zeitung „Fabrik und Feld“.
Mehrfach fuhr Lisa als Kurier nach Wien, um die Verbindung zwischen der Organisation in Bosnien und den Kommunisten in Wien zu halten. Eine Zeit lang blieb sie in Wien, arbeitete für die Partei und war glücklich über das erlebte Zusammengehörigkeitsgefühl. (S. 148)
Im Januar 1933 wurde Lisa in Tusla verhaftet und im städtischen Gefängnis eingesperrt. Bereits im Dezember 1932 waren Milan und andere Mitglieder seiner Organisation verhaftet worden. In Belgrad fand der Prozess statt. Lisa, die während der Verhöre nichts gesagt und sich ahnungslos gestellt hatte, wurde freigesprochen. Sie und ihre Tochter wurden aus Jugoslawien ausgewiesen. Sie fuhren nach Wien.
In Wien war zu dieser Zeit der heroische Aufstand der österreichischen Arbeiter vom 12. Februar 1934 niedergeschlagen worden. Die Partei kämpfte illegal und Lisa erfüllte Aufträge jugoslawischer und österreichischer Genossen.
Auf Beschluss der Partei übersiedelte sie 1936, gemeinsam mit ihrer Tochter, nach Paris. Später schrieb sie: „ Das Schönste begann in Paris, und verbunden war es mit Spanien.“ (S.160)
In der Rue des Mathurins Moreau war die Sammelstelle der Internationalen Brigaden. Die Menschen, die sich nach Spanien meldeten waren sicher, dass von dem Sieg über den Faschisten Franco auch das weitere Schicksal ihrer Völker abhing.
Nachdem sie in Paris einen 6-monatigen Kurs für Krankenschwestern absolviert hatte, schloss sie sich im April 1937 den Internationalen Brigaden in Spanien an. Ihre Tochter Inge wusste sie in einem sowjetischen Kinderheim in Iwanowo in Sicherheit.
Erste Station war das Krankenhaus „Pasionaria“ in Murcia, wo sie gemeinsam mit einer polnischen Interbrigadistin (Hanka) eingewiesen wurde. Jeder Tag war kompliziert. Niemand hatte Erfahrungen, wie man ein Spital im Bürgerkrieg organisieren sollte. (S.183) Improvisation und Initiative waren gefragt. Lisa, von dem neuen Verantwortlichen für alle Spitäler, dem Bulgaren Minkoff, zur Oberschwester berufen, schaffte das. (S. 189) Sie verbündete sich mit allen Spanierinnen, die im Krankenhaus Dienst taten – den Pflegerinnen und Helferinnen, den Frauen in der Küche und den Putzfrauen und bekam auf diese Weise ein Bild davon, was zu tun war, wo etwas fehlte. Bald entstand eine Gruppe aus gewählten Verwundeten und Mitarbeitern des Krankenhauses, die die Arbeit begleitete und bewertete. Dieses Modell der Zusammenarbeit und Kontrolle bewährte sich so gut, dass es auch auf andere Spitäler in Murcia ausgedehnt wurde. In den Krankenhäusern wurde auf Anregung von Minkoff auch damit begonnen, das kulturelle und politische Leben zu organisieren. Fachkurse für das ungeschultes Personal, Lehrgänge, Kulturabende wurden organisiert. Spanische Frauen lernten Lesen und Schreiben, ein Kinderheim für Waisen des Bürgerkrieges wurde betreut (S.194) … Bis zum Rückzug nach Katalonien.
Lisa arbeitete noch in mehreren Spitälern, darunter in denen von Barcelona, Mataró und Santa Coloma de Farners. Dann kam „die „Despedida“ – der Beschluss der letzten republikanischen Regierung unter dem Ministerpräsidenten Juan Negrin, dass die Interbrigaden von der Front zurückgezogen werden und Spanien verlassen sollten, um die Forderung nach dem Abzug der deutschen und italienischen Formationen aus dem Land zu bekräftigen“.
In Barcelona wurden die Interbrigadisten verabschiedet. Die Stadt war wie zu einem Fest geschmückt. Überall wehten rote Fahnen neben denen des republikanischen Spaniens und Kataloniens. Dieses Ereignis haben die Interbrigadisten ihr ganzes Leben lang nicht vergessen.
Lisa begleitete gemeinsam mit anderen den Transport der Schwerverwundeten zur Grenze und nach Frankreich. „Das Frankreich von Leon Blum, …das mit seiner Nichteinmischungspolitik Spanien verraten hatte.“ (S. 219) Mit den Interbrigadisten verließen auch sehr viele Spanier ihr Land. Hinter der Grenze in den Pyrenäen war ein kleiner Ort zum Auffangzentrum für die Flüchtlinge bestimmt worden. „Die große Wiese war die Unterkunft. Dort schliefen auf feuchter Erde in der Kälte der Februarnächte die Frauen mit ihren Kindern, die Kranken und die Alten.“(S. 222)
Wieder in Paris, musste sie die Jagd der Flics auf die Spanienkämpfer erleben, die in Internierungs-lager gesperrt wurden. Nach einer kurzen Zeit im Süden, in Arles, wurde auch Lisa ab September 1939 in dem Frauenlager von Gurs interniert.
Nach der Waffenstillstandsunterzeichnung zwischen der französischen Regierung und Hitler durften alle Frauen von Gurs, die zuvor in Südfrankreich gewohnt hatten, in denselben Ort zurückkehren. Lisa kehrte nach Arles zurück und bekam bei italienischen Freunden Unterschlupf. Durch Näharbeiten trug sie zum Einkommen der Gemeinschaft bei. Dort kam sie auch durch österreichische Genossen in Kontakt zur österreichischen Parteileitung in Südfrankreich. 1941 kam die Parteidirektive, wonach alle österreichischen Genossen sich bei der deutschen Waffenstillstandskommission zur Rückkehr nach Österreich melden sollten. Die österreichischen Behörden lehnten allerdings die Rückkehr Lisas nach Wien ab.
Mehr als zwei Jahre lang war Lisa in Paris Teil der französischen Widerstandsbewegung, der sich direkt mit der deutschen Wehrmacht befasste (TA – travail allemand). Sie gehörte zu den „Frauengruppen, die mit den deutschen Soldaten persönliche Verbindung aufnahmen – und je nach konkreter Gelegenheit –ihnen Flugblätter zusteckten, mit ihnen diskutierten, sie politisch zu überzeugen versuchten mit dem Ziel, sie langsam als aktive Mitarbeiter zu gewinnen. (S.245)
Die Gestapo in Paris kam der TA lange nicht auf die Spur; die Gestapo in Wien schickte deshalb eine Spezialgruppe nach Paris. Dieser gelang es, einen Spitzel in das Netz der TA einzuschleusen. Die Gestapo fand eine Liste mit den Namen derjenigen TA-Mitglieder, die als angebliche Fremdarbeiter nach Österreich zurückgekehrt waren, um dort den Widerstand zu unterstützen. In der Folge wurden viele ehemalige TA-Mitglieder verhaftet. Zu ihnen gehörte am 11. Juli 1944 auch Lisa, die Ende 1943 unter dem Namen Marie-Louise Bèranger als angebliche Elsässerin, nach Wien zurückgekehrt war. (S. 272)
Vom Polizeigefängnis an der Elisabethpromenade wurde sie am Donaukanal entlang zum Gestapogebäude am Morzinplatz geführt, verhört und gefoltert. Lisa erfuhr eine große Enttäuschung, als sie einen führenden Parteifunktionär als Verräter erleben musste. Ohne Gerichtsverhandlung – diese sollte auf die Nachkriegszeit verschoben werden – wurde ihr mitgeteilt, dass man sie nach Deutschland überführen werde. Ihre Schwester Trude schaffte es noch, ihr einen Rucksack mit warmen Sachen, Proviant und Seife in’s Gefängnis zu schicken. Über das Prager Gefängnis Pankrac und das bereits stark zerstörte Leipzig (S. 282) kamen die Frauen nach Ravensbrück.
„Es ist schwer über die Hölle zu schreiben… Das Allerschrecklichste in meinem Leben begann mit der dunklen Nacht, als – in ein Zelt gepfercht, bis zu den Knien im Wasser stehend, da der Regen in Strömen vom Himmel fiel – die vom Transport bis aufs letzte erschöpften Frauen den Morgen erwarteten mit einer einzigen Hoffnung: ein paar Minuten sitzen zu können. Der Morgen kam, und das erste, was die Frauen sehen konnten, waren die Totenbahren. Häftlinge trugen sie aus den Baracken zu der Leichenkammer, kippten sie vor dem Eingang um und luden die ausgedörrten, zu Skeletten abgemagerten nackten Körper mit den aufgerissenen Mündern wie Mist ab. Dort lagen dann die Leichen auf einem Haufen, als Abfall. … Haufen von Frauen, immer nur Haufen, zogen am Zelt vorbei. Ein Haufen zog einen großen Lastwagen, ein anderer schleppte Säcke, und es sah dabei so aus, als ob der Haufen Mensch vor Schwäche sich an dem Lastwagen, den Säcken stützen wollte, um nicht zu fallen….
Lisa Gavric überlebte die Grauen des KZ Ravensbrück dank der Hilfe mutiger Frauen. Sie nennt in ihrer Autobiographie „Mizzerl“ (gemeint ist wahrscheinlich Mitzi Berner, bk) als „Mitglied der illegalen Organisation“, die „ihren Platz in der Karteiabteilung des Arbeitseinsatzes (dazu) nützte, Lebende in Tote und Tote in Lebende zu verwandeln, um Häftlinge zu retten ….(S. 293 – 296)  „Die illegale Leitung beschloss, die Genossinnen, auf deren Karteikarte der rote Kreis, das Zeichen für Erschießung, verzeichnet war“, in einen Transport des Schwedischen Roten Kreuzes zu schmuggeln.  
„Mizzerl hatte mir die Nummer einer im Lager gestorbenen Französin gebracht und sagte: „So, Lisa, du bist jetzt die Louise Desmeth. Merke Dir den Namen. Du und Mela, ihr geht mit diesem Transport hinaus. Pass gut auf bei der Kontrolle durch die SS!“ Am 23. April 1945 kam Lisa Gavrič frei.
Sie kehrte nach Wien zurück und leistete – wie in ihrem gesamten Leben zuvor - wieder Parteiarbeit für die KPÖ, in der Abteilung für Frauenarbeit, als Generalsekretärin für Österreich-Jugoslawische Freundschaft. Natürlich holte sie ihre Tochter Inge, die in der Sowjetunion aufgewachsen war, zu sich. Nach 9 Jahren war jedoch das Zueinanderfinden kompliziert. Die Tochter kehrte in die Sowjetunion zurück, heiratete und brachte ihren Sohn Serjosha zur Welt.
Ende 1948 übersiedelte Lisa Gavrič nach Jugoslawien und war in Belgrad, wo auch Milan als Journalist arbeitete, als Instrukteurin deutscher Fachleute im Zentralrat der Gewerkschaften und Chefredakteurin der Zeitschrift „Schaffende“ sowie als Kommentatorin der deutschen Redaktion von Radio Jugoslawien tätig. In den letzten Jahren vor ihrer Pensionierung arbeitete Lisa in Belgrad am Institut für Probleme der internationalen Wirtschaft und Politik.
Lisa besuchte ihre Tochter in der Sowjetunion, brachte sich als Großmutter ein; sie verbrachten gemeinsame Urlaube in Jugoslawien und in der Sowjetunion. Alles fügte sich zum Guten. …
Mit ihrer Schwester Trude Bechmann (Schauspielerin am Deutschen Theater Berlin) hatte sie Zeit ihres Lebens ein inniges Verhältnis.
Lisa starb am 22. 6. 1974 in Dubna bei Moskau, während eines Besuches bei ihrer Tochter Inge Milanowna Tarassowa (Mai 1929 – Januar 2003).

"1944, im Gefängnis, stellte sich Lisa die Zeit nach der Befreiung vor. Sie hatte keine Illusionen. „Immer noch reißen die Menschen den Arm hoch zu ‚Heil Hitler‘. Was werden sie morgen rufen? Dieselben? Sie werden dabei sein so wie heute, unter Schuschnigg und Dollfuß, unter dem roten Wien, dem Kaiser. Zuerst werden sie sich ducken, dann sich langsam herantasten, festhaken, breit machen und wieder gut sitzen.“


Quellen: Renèe Lugschitz: Spanienkämpferinnen - LIT Verlag Münster;
http://www.doew.at/erinnern/biographien/spanienarchiv-online;
Archiv Moskau RGASPI. F. 545. Op. 6. Ä. 30
http://sidbrint.ub.edu/en/node/15707 und Foto
¹ Dieser Text und alle Zitate basieren im Wesentlichen auf der Autobiographie von Lisa Gavrič „Die Straße der Wirklichkeit. Bericht eines Lebens“. Verlag Neues Leben, Berlin 1984;                                 
die Informationen über ihr Leben nach 1945 entstammen zum Teil einem Artikel von Charlotte Rombach: „Lisa Gavric - Kommunistin und Widerstandskämpferin“, veröffentlicht in den Mitteilungen